Langzeitbelichtung: Die etwas andere Art zu fotografieren

Foto: Manuel Murgas

Foto: Manuel Murgas

Im Normalfall wird in der Fotografie versucht, eine möglichst kurze Belichtungszeit zu realisieren, um Bewegungsunschärfen vorbeugen zu können. Von einer Langzeitbelichtung spricht man dann, wenn die Belichtungszeit mehrere Sekunden beträgt. Für gewöhnlich wird nur für einen Bruchteil einer Sekunde belichtet. Bewegungen wirken wie einfroren – es wird nur ein kurzer Augenblick festgehalten. Durch Langzeitbelichtungen wird es möglich, einen Ausschnitt der Zeit festzuhalten, wie man ihn normalerweise nicht wahrnehmen kann. Bewegungen verwischen, das Geschehen im gewählten Zeitausschnitt wird dokumentiert.

Die große Bewegungsunschärfe von sich bewegenden Objekten wird bei langen Belichtungszeiten oftmals als gestalterisches Mittel genutzt. Diese Technik wird in Fachkreisen auch als „Light Painting“ bezeichnet. Einige Künstler, wie beispielsweise Michael Wesely, haben extreme Langzeitbelichtungen von bis zu 26 Monaten durchgeführt. Meist beschränken sich Langzeitbelichtungen auf einen Belichtungszeitraum von wenigen Sekunden bis hin zu mehreren Minuten.

Um eine korrekte Belichtung, d. h. keine Über- oder Unterbelichtung, zu erzielen, können verschiedene Techniken angewandt werden, die sich zum Teil miteinander kombinieren lassen. Zunächst muss von einer kleinen Blende (also einem hohen numerischen Blendenwert) ausgegangen werden. Langzeitbelichtungen werden immer mit dem niedrigsten verfügbaren ISO-Wert durchgeführt. Zur Verringerung des Umgebungslichtes kann zudem ein Graufilter am Objektiv angebracht werden, welcher in Abhängigkeit seiner Dichte das einfallende Licht um mehrere Blendenstufen reduzieren kann.

Um unbeabsichtigten Verwackelungen vorzubeugen, muss die Kamera auf einem Stativ befestigt werden. Auch durch das Betätigen des Auslösers können Unschärfen entstehen. Um diesen vorzubeugen empfiehlt sich der Einsatz eines Fernauslösers. Diese sind preisgünstig im Fachhandel erhältlich. Sollte gerade kein Fernauslöser zur Hand sein, kann man sich auch mit dem kamerainternen Zeitauslöser behelfen. Dieser löst nach einer vorgegebenen Zeit (wahlweise, meist 2 oder 10 Sekunden) automatisch aus, sodass die Kamera zum eigentlichen Auslösen nicht berührt werden muss.

Bei Langzeitbelichtungen wird meist im ersten Schritt per Autofokus vorfokussiert und nach erfolgreicher Fokussierung in den manuellen Autofokus-Modus (meist mechanischer Schalter am Objektiv) gewechselt. Sollte eine automatische Fokussierung nicht möglich sein, muss das Motiv manuell fokussiert werden. Sofern vorhanden, empfiehlt es sich zudem, den im Objektiv befindlichen Bildstabilisator während Langzeitbelichtungen zu deaktivieren.

Bei der Erstellung von Langzeitbelichtungen kommt es nicht selten zu starken Über- wie auch Unterbelichtungen. Um dem vorzubeugen, sollte man den Belichtungsmesser immer im Auge behalten. Je nach Motiv kann sich der Belichtungswert auch im Laufe der Zeit ändern. Um Überbelichtungen bei Nachtaufnahmen zu vermeiden, ist es ratsam, im Zweifelsfall lieber um ein, maximal zwei Rasterungen unterzubelichten. Mit zunehmender Belichtungszeit steigt zwangsläufig auch das Rauschverhalten durch den Bildsensor. Einige Kameramodelle bieten kamerainterne „Entrauschungsverfahren“ an, um diesem Effekt entgegenzuwirken. Alternativ bieten auch viele Bildbearbeitungsprogramme entsprechende Funktionen an, um Bildrauschen zu minimieren oder gar komplett zu entfernen. Das Bildbearbeitungsprogramm Photoshop aus dem Hause Adobe rechnet die zufällig auftretenden Bildstörungen durch Rauschen aus dem Bild heraus. Im Bereich der digitalen Fotografie spricht man hierbei vom sogenannten „Stacking“.

Je nach Kameramodell und Dateigröße des Bildes können kamerainterne wie auch am Computer durchgeführte „Entrauschungsverfahren“ einige Zeit in Anspruch nehmen. Dies sollte unbedingt bedacht werden, da die Kamera unmittelbar nach Beendigung der Aufnahme nicht umgehend für eine weitere Aufnahme zur Verfügung steht. Sollten die Bilder nicht sofort benötigt werden, empfiehlt es sich, diesen Schritt im Zuge der normalen Nachbearbeitung am Computer durchzuführen.

Ich selbst habe mir angewöhnt, immer mehrere Bilder aus verschiedenen Perspektiven mit unterschiedlichen Fokussierungen, Belichtungszeiten und Blendenstufen zu machen. Durch die langen Belichtungszeiten passiert es manchmal, dass Personen, Fahrzeuge oder sonstige Gegenstände das Motiv stören. Im Eifer des Gefechts kann es vorkommen, dass man dies nicht sofort, sondern erst zuhause am Computer merkt – gut, wenn man dann auf weitere Aufnahmen zurückgreifen kann. Auf Brücken und unmittelbar über U-Bahn-Stationen entstehen Schwingungen oftmals durch Fahrzeuge. Diese Erschütterungen sind oftmals so minimal, dass sie kaum spürbar sind, sich aber sehr wohl über das Stativ auf die Kamera übertragen. An Gewässern oder in Hochhausschluchten sorgen zudem Winde für leichte Bewegungsunschärfen, die sich nur schwer kontrollieren lassen.